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  • Viktoria Orlinsky

#Nothilfe: Liebe geht durch den Magen

Viktoria vom Online Magazin ,,die Verpeilte" hat uns vergangene Woche bei dem Projekt ,,Berliner Kältehilfe" begleitet! In diesem Erfahrungsbericht schildert sie ihre Sicht auf die Arbeit bei der #Nothilfe.

5 Uhr Samstagmorgen. Mein Radiowecker quasselt mir die aktuellen Nachrichten, ohne Punkt und Komma, ins Ohr und ich wälz‘ mich aus meinem warmen Bett. Meine Füße steck‘ ich in die flauschigen Schneemann Hausschuhe - einer hat leider schon seinen Hut verloren. Während der frisch gebrühte Kaffee die Wohnung mit holzig erdigem Geruch erfüllt, mach ich mir noch mit halb geschlossenen Augen mein Frühstück. Bio-Bananen, frische Himbeeren, Blaubeeren und Hafermilch. Mein kleines Badezimmer füllt sich mit Dampf, als mir das heiße Wasser auf meinen Körper prasselt und ich mehr schräg als schön “I got you” von Disciples mitsinge. Meine Hand fährt über die unterschiedlichen Stoffe meiner Hosen, um zwischen all dem Schwarz die Richtige heraus zu fühlen. Da. Die Neue von Urban Outfitters. Noch ein Rolli, den ich in letzter Zeit immer trage, wenn ich neue Leute treffe und meinen Lieblingsmantel - ist ja auch echt kalt draußen. So beginnt fast jeder meiner Tage. Was ich oft als selbstverständlich sehe, ist allerdings für viele andere nicht so. Deswegen bin ich heute auf dem Weg zur Berliner Stadtmission. Dort packen ehrenamtliche Arbeiter:innen Nothilfepakete für Bedürftige, denn eine warme Mahlzeit ist für viele Menschen eins nicht: selbstverständlich.

Es ist noch dunkel draußen, als ich ankomme, doch in dem aktuell freistehenden Jugendhostel brennt schon Licht und durch die Glasfront kann ich Miri von der Initiative Wir für Berlin erkennen. Die Aktion wurde von den drei Berliner Mädels Miri, Miri und Leo Anfang des Jahres ins Leben gerufen. Ihr Ziel? Sozialen Projekten im Raum Berlin durch eine Social Media Präsenz mehr Gehör zu schaffen, denn weggesehen haben wir alle schon lange genug. Ich muss gestehen, es ist für mich das erste Mal, dass ich ehrenamtliche Arbeit leiste. So wie einige von euch vermutlich auch, habe ich es mir oft vorgenommen, aber dann kam doch was “Wichtigeres” dazwischen. Um so begeisterter war ich dann, als ich vor einigen Tagen von den Mädels zum Helfen eingeladen wurde.

Wir sind zu viert an meiner Station. Unsere Mission: 525 Brote schmieren und belegen. Eine Gruppe trifft die Pandemie nämlich besonders hart: arme Menschen. Lebensmittelpreise steigen und gerade jetzt sind auch die Suppenküchen wegen der Hygienevorschriften geschlossen. Damit bedürftige Menschen trotzdem ihren Hunger stillen können, packen Freiwillige der Berliner Stadtmission Essenspakete. Diese werden neben den Broten noch mit Masken, Wasserflaschen und anderen Getränken gepackt. Noch ein wenig unsicher, nehm‘ ich die ersten paar Scheiben Brot und schiele zu meiner Nachbarin rechts von mir. “Ich bin auch das erste Mal hier”, zwinkert sie mir zu. “Wichtig ist, dass die Brote nicht zu trocken sind.” Ich nicke und beäuge den Schinken und die Wurst vor mir.


Ich bin neugierig, welche Personen hinter den anderen helfenden Händen stecken, die heute gekommen sind. Gegenüber von mir steht Alexander, knapp 50. Er arbeitet im Controlling bei der BVG. “Das Leben war bis jetzt immer sehr gut zu mir. Es ist jetzt einfach an der Zeit zurückzugeben.” Bewunderung empfinde ich für Elisabeth. Die Dame zu meiner Linken ist gerade in Pension gegangen und möchte ihre neu gewonnene Zeit ganz sicher nicht zu Hause verplempern.

“Und bist du jeden Samstag hier?” Überhöre ich ein Gespräch am anderen Tisch. “Ich? Ich bin jeden Tag hier. Menschen haben schließlich auch jeden Tag Hunger”. Dieser Satz brannte sich sowohl in mein Hirn als auch mein Herz.



Am Anfang arbeite ich schnell, konzentriert. Nach ein paar Minuten dämmert es mir und ich halte inne. Es geht nicht darum, so viele Brote in so kurzer Zeit wie möglich zu schmieren. Wer sind denn die Menschen, die sie am Ende in der Hand halten? Ich ändere meine Strategie. Ich nehme mir Zeit, probiere in jedes Brot, das ich schmiere, ganz viel Liebe hinein zu packen und stell mir vor, ich bin eine Mama. Ich stell mir vor, dass ich für die Person, für die ich dieses Brot zubereitet, unfassbar viel Liebe empfinde und dass ich das beste Brot der Welt für sie machen möchte. Ich stell mir vor, wie sie es auspackt, sich mit den Menschen unterhält, die sich auch ein Paket holen. Sie tauschen ein paar Gedanken. Lächeln sich über die Brote hinweg an. Freuen sich. Wischen sich die Brösel von der Hose. Und treffen sich morgen wieder. Vielleicht umarmen sie sich dann. Vielleicht bin ich auch einfach nur eine Träumerin. Aber vielleicht denk ich jetzt nicht mehr nur an mich. Vielleicht mach ich das in Zukunft jetzt öfter.



Na, habt ihr jetzt auch Bock zu Helfen bekommen? Dann meldet euch einfach an!


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