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  • Miriam Rasser

Ein Abend auf der Straße

Aktualisiert: Juni 29


Januar, 2 Grad, Berlin, Alexanderplatz. Schlafstätte vieler Straßenkinder.


Aufregung liegt in der Luft. Wir wollen herausfinden, wie sich eine Nacht im kalten Berlin wirklich anfühlt!



Wir sind mit dem Team von Gangway Berlin verabredet. Gangway ist ein eingetragener Verein mit Teams in fast jedem Bezirk. Vor Ort sind die Teams für die Straßensozialarbeit zuständig. Das Team Mitte, bestehend aus Manu, Ron und Peter, sind vorrangig Kontaktperson für wohnungslose Jugendliche. Hierbei begegnen sie den Jugendlichen und jungen Erwachsenen stets auf Augenhöhe. Hilfe bieten sie da an, wo sie gebraucht wird. Über Smartphone und via Instagram sind sie mit den Jugendlichen vernetzt. Sie unterstützen die Jugendlichen bei Behördengängen und haben stets ein offenes Ohr. Uns berichten sie über ihre Arbeit mit den wohnungslosen Jugendlichen oder “Straßenkids”, wie sie sie nennen. Wir durften 5 wohnungslose Jugendliche und ihre persönliche Geschichte kennenlernen.



Wolfgang - so will er hier von uns genannt werden - ist die erste Person, die uns an diesem Abend begegnet. Er ist 21 Jahre alt und wohnt seit circa 8 Monaten auf der Straße. Er wirkt aufgeschlossen und kommunikativ. Lebhaft erzählt er über seine Erfahrungen im Umgang mit Drogen, falschen Freunden und seinen Ängsten. Die Offenheit und das Vertrauen, das er uns entgegenbringt, überraschen uns. Wolfgang beschreibt sich selbst als Einzelgänger. Freundschaften, so Wolfgang, haben für ihn stets eine zeitliche Begrenzung. Er berichtet, dass sich sein Wert auf der Straße nur durch Drogen und gute Kontakte definieren lasse. Auf die Frage, wo er heute Nacht unterkomme, antwortet er, dass er bereits seit einigen Tagen die Möglichkeit besitze, in einem Hostel zu übernachten. Diese Möglichkeit gebe ihm Sicherheit. Das Leben auf der Straße beschreibt er als ungewiss. Niemals wisse man, wer einem begegne und wie der nächste Morgen aussehe. Wie uns scheint, spielen Drogen eine wichtige Rolle in seinem Leben. Abstand von den Drogen zu gewinnen scheint für ihn nur schwer möglich. Vor einem Entzug habe er Angst. Die Straße habe ihn geformt, so Wolfgang. Früher sei er ein schüchterner Junge gewesen. Wolfgang beschreibt sich selbst als einen Menschen, den die Straße geformt hat. Auf uns wirkt er dennoch eher zuversichtlich. Das Leben sieht er positiv.


Später treffen wir auf zwei Pärchen. Sie sind bereit mit uns zu reden. Auch Fotos dürfen wir von ihnen machen. Sie sind zwischen 18 und 20 Jahre alt und leben teilweise freiwillig auf der Straße. Was auch immer wir erwartet haben; Mit so viel Offenheit über ihre Situation hätten wir nicht gerechnet. Das Leben auf der Straße ist nicht einfach und alleine kaum bestreitbar. Daher haben sie sich einen Schutzraum gebaut: Ihre Gruppe, die sie Familie nennen. Dort sei jeder willkommen, sagen sie. Die Gründe, weshalb sie auf der Straße leben, wollen sie teilweise für sich behalten.

Eines gebe ihnen jedoch das Leben auf der Straße: Das Gefühl von Freiheit!


Essen bekommen sie meist genügend von Passant*innen, diese seien freundlich und hilfsbereit. Auf die Frage, was sie sich wünschen, antworten die vier: ,,Geld”. Dies bekämen sie nur selten. Die Angst der Menschen, dieses werde allein für Alkohol und Drogen ausgegeben, sei zu groß. Das verstehen die 4, sehen sich aber auch in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Das Geld, das sie beim “Schnorren”, wie sie es selbst nennen, bekommen, benötigen sie aber auch für andere Dinge, wie Hygieneartikel und Kleidung.


Viele entscheiden sich bewusst dazu “Platte zu machen”. Das scheint oft attraktiver, als eine Notunterkunft aufzusuchen. Genügend freie Kapazitäten hätten diese jedoch allemal. Aber für die Übernachtung in einigen Einrichtungen ist derzeit ein Corona Test verpflichtend. Die Angst bei positivem Ergebnis ihre “Straßenfamilie” länger nicht sehen zu können, ist groß. Außerdem nehmen viele Einrichtungen ausschließlich Jugendliche bis 21 Jahre auf und auch diese nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit. An diesem Abend haben die 4 den Plan die Nacht durchzumachen. Mit schnorren wollen sie sich wach halten.


Generell ist Corona ein akutes Problem für wohnungslose Jugendliche. Geschäfte, die ihnen sonst die Möglichkeit geben hätten sich aufzuwärmen, sind nun größtenteils geschlossen. Der Alex scheint gerade abends wie ausgestorben. So rücken die Straßenkids noch schneller ins Visier der Polizei. Auch wir werden an diesem Abend noch Kontakt mit der Polizei haben.


Die 4 nehmen uns später mit zu ihrer “Platte”. Hier treffen wir auf weitere, größtenteils ältere Obdachlose. Schnell kommen wir mit ihnen ins Gespräch. Die Stimmung ist gut bis wir nach wenigen Minuten von einigen Polizeibeamt*innen umringt werden. Nach diesem Vorfall kippt die Stimmung. Einer der erwachsenen Obdachlosen fängt an laut zu werden. Er steht deutlich unter dem Einfluss von Drogen, wirkt gewaltbereit. Wir verlassen diesen Ort, um deeskalierend zu agieren.

Zum Abschluss zeigen uns Manu, Ron und Peter eine weitere “Platte”, die gut versteckt unter einer Brücke liegt. Hier überraschen uns die Sauberkeit und Ordnung. Für diese übernehmen die Wohnungslosen selbst Verantwortung. Von der Polizei wird die Platte deshalb geduldet.

Wir sind sehr dankbar für diesen spannenden Abend auf der Straße und die Einblicke, die wir bekommen haben. Wir hatten ein graues und trauriges Bild erwartet. Erlebt haben wir die Situation aber viel facettenreicher. Zum einen durften wir einen fast familiären Zusammenhalt unter den wohnungslosen Jugendlichen erleben. 2 Pärchen, die sich gefunden und bereits verlobt haben. Von ihren Verlobungsstorys berichten die 4 uns mit strahlenden Gesichtern. Geld, Essen und andere Dinge teilen sie gemeinschaftlich. Sie können sich aufeinander verlassen und gemeinsam ist ihre Situation erträglicher. Aber es sind auch Drogen und der Alkohol, die das Leben auf der Straße prägen. Kälte und persönliche Probleme scheinen unter dem Einfluss der Drogen leichter zu erträglich zu sein. Das dies nur ein Trugbild ist, wissen dennoch viele. Rausch, Entzug, schließlich Sucht - oftmals ein Strudel, aus dem es viele ohne Hilfe nicht herausschaffen.




Was wir von diesem Abend mitnehmen, sind viele verschiedene Gründe, wieso Jugendliche auf der Straße leben. Wir wollen und können über diese nicht urteilen. Aber wir haben auch gesehen, dass es Hilfsangebote gibt, durch Institutionen oder Menschen wie Manu, Peter und Ron. Freiwillig und ohne die Jugendlichen zu etwas zu drängen. “Hier bekommt jede*r so viele Chancen, wie er oder sie braucht”, ein Satz des Teams, der hängengeblieben ist. Nach den 4 Stunden sind wir ordentlich durchgefroren, aber auch nachhaltig erfüllt von den vielen Eindrücken. Es war eine kalte Nacht, jedoch auch erfüllt von Wärme zwischen Menschen, die uns, zumindest für eine kurze Zeit, mit in ihre Familie aufgenommen haben.



Das sind Peter, Ron und Manu - das Team von Gangway Mitte

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