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  • Miriam Rasser

Berliner Tafel


Es ist Donnerstag, 8 Uhr und wir sind unterwegs im Herzen Neuköllns. Doch heute sind wir nicht allein. Franziska, die mit „Übrigens“ eine eigene Fashionmarke gegründet hat, begleitet uns. Ihre T-Shirts sind fair produziert und jeweils 5€ des Preises gehen an die Berliner Tafel. Zusammen wollen wir uns heute selbst ein Bild von der Arbeit der Tafel verschaffen. Seit 1993 rettet diese Lebensmittel vor der Mülltonne und verteilt sie an Bedürftige. Ausgabestellen der Berliner Tafel gibt es in allen Stadtbezirken. Pro Monat werden 660 Tonnen Lebensmittel verteilt und damit 125.000 Menschen erreicht.

Für uns startet der Tag mit dem Abholen der Lebensmittel. Unser erster Stopp ist eine kleine Bäckerei in Neukölln. Der Besitzer hat sich selbst bei der Tafel gemeldet, wie er uns berichtet. Backware, die nicht verkauft worden sei, würde auch bei ihm sonst im Müll landen. Das hat ihn schon immer gestört, erzählt er, während er uns einen Kaffee ausgibt. Dass sich Supermärkte oder Bäckereien von sich aus melden sei jedoch eher eine Seltenheit, erklären uns die zwei Mitarbeiter der Tafel, die wir heute begleiten. Weiter geht die Fahrt zu drei Supermärkten in der Nähe. Die Fülle an Lebensmitteln, die wir in den Transporter laden, variiert stark. Dennoch wirken die zwei Mitarbeiter der Tafel zufrieden über die heutige Ausbeute. Wir erhalten keineswegs verdorbene Lebensmittel. Alles wirkt frisch und viel zu gut für die Tonne.

Zurück in der Ausgabestation an der Karl-Marx-Straße erwartet uns bereits eine lange Schlange an Menschen vor dem Gebäude. Wir sehen einen bunten Mix aus Menschen jeden Alters, verschiedenster Herkunft und Geschlechts. Wegen Corona können aktuell die Kund*innen, wie sie hier genannt werden, nicht selbst einkaufen, sondern bekommen von den Mitarbeiter*innen gepackte Tüten. Einkaufen darf, wer entsprechende Papiere vorweisen kann und im jeweiligen Einzugsgebiet seinen Wohnsitz hat. Einen Euro kostet ein Einkauf bei der Tafel - ein eher symbolischer Betrag.

Wir lernen Rentnerin Monika und ihre frühere Arbeitskollegin kennen. Beide wollten nach ihrem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben weiterhin etwas Sinnvolles tun, erzählen sie uns. An diesem Tag sind sie für die Essensausgabe zuständig. Hinter einer Plexiglasscheibe nehmen sie Personalien auf und reichen die fertigen Tüten hinaus. Ihre herzliche Art steckt auch uns an. Währenddessen wird unter der Leitung von Uschi, die mit ihrer bestimmten aber ungemein warmherzigen Art alles unter Kontrolle hat, fleißig weiter gepackt. Schon seit vielen Jahren arbeitet Uschi bei der Berliner Tafel mit und ist damit ein Urgestein. Sie hat ein Herz für diese Arbeit, das spürt man. Ihr Team aus ehrenamtlichen Helfer*innen besteht zum großen Teil aus Menschen, die selbst Kund*innen bei der Tafel sind. Wir lernen Katleen kennen, eine junge Frau, die erst seit kurzem als Ehrenamtliche aushilft. Vor zwei Wochen wurde sie in der Schlange von Uschi angefragt und ist nun schon Teil des Teams. Nach den Kund*innen kann auch Katleen für sich selbst hier einkaufen, erzählt sie uns, während sie Tüten mit frischem Obst und Gemüse packt. Ihr macht es Spaß einmal die Woche hier nicht nur einzukaufen, sondern selbst mitzuhelfen.



Bevor der Tag sich für uns dem Ende nähert, bekommen wir noch eine besondere Aufgabe. Ein älterer Herr, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selbst zur Ausgabestelle kommen kann, bekommt seinen Einkauf jede Woche zu sich nach Hause geliefert. Dies übernehmen wir heute. Mit genauer Wegbeschreibung geht es in die Berliner Altbauwohnung des Neuköllners. Im Treppenhaus angelangt, stehen wir allerdings vor zwei Türen mit demselben Nachnamen. Sicher, die richtige Tür erwischt zu haben, klingeln wir. Nach einigen Minuten öffnet uns ein verdutzt dreinblickender Herr, der gar nicht so alt ist, wie wir erwartet haben. Trotzdem überreichen wir ihm die Tüte und machen uns auf den Weg zurück zur Tafel. Dort angelangt erreicht Uschi ein Anruf des Herrn, den wir beliefern sollten. Wir hatten nicht ihm, sondern fälschlicherweise seinem gegenüber wohnenden Schwiegersohn die Tüte überreicht. Angekommen ist sie bei dem älteren Herrn schließlich trotzdem noch. Gerade noch mal Glück gehabt.


Hier endet unser Tag bei der Berliner Tafel. Wir verabschieden uns bei Uschi und den anderen Helfer*innen und sind erfüllt von den vielen Eindrücken und den Geschichten hinter den Gesichtern. Wir haben Ehrenamtliche erlebt, die mit vollem Herzen jeden Donnerstag hier sind und deren Geschichten sich zum großen Teil mit denen der Kund*innen decken. Wir lernten Menschen kennen, die hier jede Woche teilweise stundenlang anstehen und für die die Tafel eine wichtige Konstante in ihrem Leben geworden ist.

Die Berliner Tafel ist eine großartige Organisation, die zum einen der immensen Lebensmittelverschwendung entgegenwirkt und zum anderen sich sozial in Berlin und in anderen Städten einbringt. Ein Konzept das ankommt.

Die Arbeit der Tafel hat dich neugierig gemacht?

Schau doch mal bei der Ausgabestation in deinem Kiez vorbei. Bei einigen werden neue Ehrenamtliche gesucht, aber auch Lebensmittelspenden sind immer gern gesehen.




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